Gedanken zum Monat

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gäste,

im Tagebuch von Dag Hammarskjöld finden sich kostbare Beobachtungen und Gedankenblitze. Am 4. August 1959 notierte er: „Einfachheit heißt, die Wirklichkeit nicht in Beziehung auf uns zu erleben, sondern in ihrer heiligen Unabhängigkeit. Einfachheit heißt sehen, urteilen und handeln von dem Punkt her, in welchem wir in uns selber ruhen. Wie vieles fällt da weg! Und wie fällt alles andere in die rechte Lage! Im Zentrum unseres Wesens ruhend, begegnen wir einer Welt, in der alles in gleicher Art in sich ruht. Dadurch wird der Baum zu einem Mysterium, die Wolke zu einer Offenbarung und der Mensch zu einem Kosmos, dessen Reichtum wir nur in Bruchteilen erfassen.
Für den Einfachen ist das Leben einfach, aber es eröffnet ein Buch, in welchem wir nie über die ersten Buchstaben hinauskommen.“

Eine andere Sicht der Dinge: Nicht fragen: Was habe ich davon?, sondern wahr-nehmen: die Menschen, alle Geschöpfe, mich selbst. Einfach werden. Erstaunlich, dass der UN-Generalsekretär Hammarskjöld diese Worte schreibt, der es Tag für Tag mit den kompliziertesten Sachverhalten zu tun hatte. Er hat diese Lösung für sich entdeckt: Probleme lösen sich, Ängste und Zwänge fallen von uns ab, wenn wir einfacher werden. Und erstaunlich diese Beobachtung: Wenn wir einfacher werden, wird unsere Welt und unser Menschsein nicht banal und primitiv, sondern es öffnet sich „ein Buch, in welchem wir nie über die ersten Buchstaben hinauskommen.“

Wenn uns das gelingen könnte: In diesen Tagen, wo uns die Pandemie lähmt, einfacher zu werden: uns und die ganze Schöpfung wahrzunehmen als Geschöpfe Gottes, die aus seiner Liebe hervorgegangen sind und die zu ihm hin unterwegs sind. Einfachheit heißt gerade nicht Selbstgenügsamkeit, sondern sich öffnen für eine größere Wirklichkeit. In der Coronazeit mit ihren Kontaktbeschränkungen ist die Gefahr groß, sich abzuschließen in den engen Raum meiner kleinen Welt. Hier entgegen steuern: Das Herz weit machen, mit dem Blick der Einfachheit mich den Menschen und Dingen zuwenden, sehen und hören, Beziehungen vertiefen.

„Du erneuerst das Angesicht der Erde“ lautet das Leitwort der Pfingstaktion Renovabis. Es ist an das Du Gottes gerichtet: Du, Gott, hörst nicht auf, unsere Erde neu zu machen. Aber wir können den Satz auch als Aufforderung Gottes an uns verstehen: Bleibt nicht stehen, helft mit, dass eure Erde neu wird. Lernt sie und euch Geschöpfe neu zu sehen und zu achten! Aber dafür müsst ihr einfacher werden!    

Gemeinsam mit den Mitarbeitern grüßt Sie

Ihr Pfarrer Dr. Michael Höhle