Gedanken zum Monat

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gäste,

vielleicht werden Sie sagen: Das Bild auf dem Pfarrbriefmantel hatten wir doch schon einmal! Nicht ganz! Da waren unsere Kita-Kinder zu sehen, die ein Schwungtuch hielten. Diesmal stammt unser Foto aus Sri Lanka: Kinder aus dem ASSET-Home, das wir unterstützen, sind zu sehen. Sie versammeln sich um eine Mitte. Ein weiteres Bild finden Sie auf S. 11. Da ist die Mitte leer; auf unserem Titelbild ist sie geschmückt mit Farben, die aus vielen kleinen Steinen bereitet sind, und mit einer kleinen Kerze.

Was ist unsere Mitte? Es tut gut, die Mitte leer zu lassen. Keiner von uns soll im Mittelpunkt stehen. Am 15. Juni veranstalten wir eine Tagesfahrt nach Sᶏdów, unweit von Frankfurt (Oder). Viele von uns haben sich angemeldet; viele aus unserer polnischen Gastgebergemeinde werden da sein. Begegnungen mit fremden Menschen sind kein „Selbstläufer“. Sie gelingen, wenn wir den in der Mitte sein lassen, der mit den Augen nicht zu sehen ist und der doch da ist und jeden/jede kennt und liebt. Überall ist er da und will er die Mitte sein und weist uns unseren Platz zu im Miteinander. Lassen wir für ihn den Platz in der Mitte leer.

Der chinesische Philosoph Laotse hat einmal ein kluges Gedicht über die Leere geschrieben:

Dreißig Speichen treffen die Nabe,

die Leere dazwischen macht das Rad.
Lehm formt der Töpfer zu Gefäßen,

die Leere darinnen macht das Gefäß.
Fenster und Türen bricht man in Mauern,

die Leere in der Mitte macht die Behausung.
Das Sichtbare bildet die Form eines Werkes,

das Nicht-Sichtbare macht seinen Wert aus.

Wir haben Angst davor, leer zu sein: Dass uns nur nicht unsere Ideen und Kräfte ausgehen! Eigenartig: Erst wenn wir leer werden von unseren Gedanken, Vorstellungen und Absichten, kann Gott zu uns sprechen und handeln. Die Leere wahrnehmen heißt, meine Sehnsucht wahrnehmen, zulassen: mir fehlt etwas. Gott, du fehlst mir; nichts kann deinen Platz ausfüllen. Das verbindet uns miteinander: dass jeder/jede von uns eine Tiefe hat, den Ort, wo das Geheimnis Gottes wohnt.

Die Fotos aus Sri Lanka sprechen mich an, weil sie mir sagen: Auch dort versammeln sie sich um eine Mitte, die kein Mensch ausfüllen kann. Diese Mitte führt uns zusammen. Am Schluss des Berichts aus dem ASSET-Home stehen folgende Worte:  

Das Leben endet, wenn du aufhörst zu träumen.
Die Hoffnung endet, wenn du nicht mehr glaubst.
Die Liebe endet, wenn du aufhörst, dich zu kümmern.
Und Freundschaft endet, wenn man aufhört zu teilen.    

Gemeinsam mit den Mitarbeitern grüßt Sie

Ihr Pfarrer Dr. Michael Höhle