Gedanken zum Monat

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gäste,

die Dichterin Gertrud von le Fort hatte Studienjahre in Berlin verbracht. Alt geworden, lag ihr die alte deutsche Hauptstadt am Herzen. 1966 schrieb sie ein Gedicht „Die Mauer“:

Da steht noch das alte ruhmreiche Tor,
Doch davor bäumt sich die Mauer empor
Aus wüstem Beton und aus Stacheldraht -
Da winkt keine Pforte, da leitet kein Pfad.
Doch Mauern aus Draht und Beton erdacht,
Die sind für mein Herz nur ein Spuk in der Nacht:
Es braucht keinen einzigen Hammerschlag -
Mein Herz bricht hindurch, so oft es mag!

Da geh ich wie einst die Linden hinab -
Das Kaiserschloß sank lange ins Grab,
Doch die Stadt wahrt ihr eignes lebendiges Sein -
Ich gehe tief in ihr Schicksal hinein,
Ich zieh es ans Herz wie mein eignes Geschick,
Denn ein Volk ist ein strenges unteilbares Glück,
Und jedes Auge, in das ich seh,
Bleibt Bruderauge wie eh und je!

Erst wenn ich zurück hin, da fällt es mich an,
Daß ich weine und nicht mehr aufhören kann.

23 Jahre brauchte es noch, bis Hammerschläge die Mauer in Berlin und anderswo in unserem Land zum Einsturz brachten. Dies war möglich, weil es Menschen in Ost und West gab, die wie le Fort sie auch in den Jahren der Teilung immer wieder mit dem Herzen durchbrachen. Ich würde sie „ Glaubensstifter“ nennen, von denen die diesjährige Diasporaaktion des Bonifatiuswerks spricht: Menschen, die Freude und Leid ihrer Mitmenschen in ihr Herz nehmen, sich aber nicht mit dem manchmal traurigen Istzustand zufrieden geben, sondern danach fragen, wie Gott uns gemeint hat. Wenn wir dankbar in den Novembertagen auf die Ereignisse vor 30 Jahren zurückschauen, wird deutlich, wie sehr wir heute Anstifter zum Glauben brauchen. Tun Sie es selbst: ihren Glauben in die alltäglichen Begegnungen hineingeben, mit den Augen Gottes weiter sehen. Auch eine Gemeinde wie unsere lebt von „Glaubensstiftern“. Ein herzlicher Dank den Frauen und Männern, die in den letzten vier Jahren die Arbeit in Pfarrgemeinderat und Kirchenvorstand getan haben. Ein herzlicher Dank denen, die sich bei der Wahl am 24. November als Kandidaten zur Verfügung stellen.

Gemeinsam mit den Mitarbeitern grüßt Sie

Ihr Pfarrer Dr. Michael Höhle