Gedanken zum Monat

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gäste,

unter den Tier-Gebeten, die der Laacher Benediktiner Drutmar Cremer mit einem Augenzwinkern geschrieben hat, findet sich das Gebet der Schnecke:

Ich bin stumm —
vor Wonne, Herr.
Wirklich.

Mit dem Scherenfernrohr
auf dem Kopf,
das du mir gabst,
schaue ich meine Welt.
Sie hat eigene Maße.
Der Kieselstein am Bach
wird zum Wolkenkratzer
Und die Tautropfen,
die vom Grashalm fließen
im Morgenlichtsind
sie nicht wie
ein Wasserfall vor meinen Augen?

Das Kleinste also
wird groß an meinem Horizont.
Und das ganz Große
lebt in einer fernen Welt –
wie du, Herr.
Und doch ist es wirklich,
ist es da — wie du, Herr.
Denn du liebst
das Kleine und das Große.

Selbst die bescheidene Kreatur,
die auf dem Bauch kriecht
durch die Wiesen und an den Bächen,
liegt dir am Herzen. —

Bin ich nicht zudem ein Mahnmal
für die Rastlosen,
die Gehetzten,
die Atemlosen —
in einer Welt ohne
Atem und Zeit?

Ich sollte allen
eine lange Nase machen.
Aber ich habe keine, Herr.

„Langsam, Freunde!“ —
möchte ich laut rufen.
„Ich komme doch auch ans Ziel
mit meinem Campingwagen
auf dem Rücken.

Ich komme auch an —
und nie in Hetze
und immer ohne Herzinfarkt!“ —
möchte ich laut rufen.

Aber ich bleibe stumm —
vor Wonne, Herr.
Denn mir droht eine Gefahr.
Wenn ich zu laut bin,
zu auffällig,
gerate ich in ein Feinschmecker-Lokal.

Als Vorspeise — auch als teure —
bin ich zu schade, nicht wahr?

Darum preise ich dich lieber stumm, Herr,
aber schäumend vor Lebensfreude,
besonders außerhalb Frankreichs. Amen

Vielleicht kann uns das Gebet helfen, von der Schnecke die Kunst der Langsamkeit zu lernen: sich Zeit lassen, die Arbeit loslassen, im Augenblick leben, auch einmal nichts tun, sondern einfach nur da sein, das Große und das Kleine wahrnehmen, vom Alltag Abstand gewinnen und für alles danken.

Gemeinsam mit den Mitarbeitern grüßt Sie und wünscht Ihnen gute Erholung in den sommerlichen Tagen

Ihr Pfarrer Dr. Michael Höhle