Gedanken zum Monat

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gäste,

an der Uni halte ich ein Seminar über Juden, Christen und Muslime im Mittelalter. Eine Geschichte der Missverständnisse, der eingeschränkten Wahrnehmung, der Entfremdung sowie verbaler und physischer Gewalt. Darin verstreut Augenblicke der Begegnung, des vorsichtigen Überschreitens der eigenen Grenzen und des Lernens voneinander. Immer wieder kommt mir der Gedanke:

Wie war es möglich, zu vergessen, dass wir alle zuerst Menschen sind, von Gott ins Leben gerufen und geliebt, begabt mit der Fähigkeit, Leben zu schenken und zu fördern, und für Gottes ewige Liebe bestimmt? Zuerst sind wir Menschen, dann erst kommen all die Unterschiede nach Religion, Lebensweise, Herkunft, Sprache und Geschlecht. Sind wir heute weiser als die Menschen vergangener Zeiten? Machen wir es besser?

Wenn wir Weihnachten feiern und in das neue Jahr gehen, werden wir wieder von dieser grundlegenden Wahrheit berührt. Und selbst diejenigen, denen der Ursprung des Festes fremd ist, lassen sich davon berühren. Die Grenzen fallen. Wir spüren für einen Augenblick, wie es sein soll und wofür wir gemacht sind. Und wenn wir Nachrichten von Gewalt hören, tun sie an diesen Tagen besonders weh, weil wir wissen, dass es so nicht sein soll. Wir Christen feiern, dass Gott Mensch geworden ist, dass er damit in unserem Menschsein da ist, dass er uns Menschen ganz und gar angenommen hat und kein Mensch ihm fremd ist. Und die vielen Weihnachtsbilder zeigen uns: Er beginnt ganz klein, er wird Kind. Alte Bilder zeigen das Kind oft nackt— nacktes Menschsein, ohne be- schönigende Hüllen, ungeschützt!

Vielleicht kann Ihnen dieser Gedanke helfen, die Menschen, denen Sie begegnen, einmal anders anzusehen. Wenn Ihnen ein Mensch fremd ist, wenn Sie sich über ihn ärgern, wenn Sie sich verletzt fühlen, im Innern zu sagen: Auch du bist ein kleines Kind gewesen auf den Armen deiner Mutter. Ich verstehe dich nicht, ich weiß nicht, warum du das tust und wie du so geworden bist, aber zuerst bist du ein Mensch – wie ich!

Eine gute Adventszeit, ein gesegnetes Geburtsfest des Herrn und ein von ihm geschenktes und geführtes neues Jahr wünscht Ihnen und allen, die zu Ihnen gehören, gemeinsam mit den Mitarbeitern

Gemeinsam mit den Mitarbeitern grüßt Sie

Ihr Pfarrer Dr. Michael Höhle